Über das Werk
Der Zeichner Honoré Daumier wurde vor allem durch seine sozialhistorisch bedeutenden Lithographien im Bereich der Zeitungskarikatur bekannt. Mit scharfer Beobachtungsgabe kommentierte er in Tausenden von Beispielen den rasanten Wechsel der politischen Ereignisse Frankreichs, die Welt ihrer Advokaten und vor allem die Freuden, Schrecken und Ängste ihrer Bürger. Die Prägnanz seiner satirischen Ideen war dabei für den Erfolg ebenso entscheidend wie seine außerordentliche zeichnerische Gestaltungskraft.
Welchen besonderen Stellenwert das Zeichnen, neben Druckgraphik, Malerei und plastischer Arbeit, als privates und reflektierendes Medium für den Künstler hatte, zeigen in eindringlicher Weise seine »Saltimbanques«. Mit sparsamen Mitteln und Einfühlungsvermögen schildert Daumier die melancholische Szene zweier in die Jahre gekommener Gaukler. Im Abseits der Öffentlichkeit scheinen sie ihren Platz gefunden zu haben. Mit der Helligkeit eines skizzenhaften Duktus beschreibt der Zeichner mit der Feder die beiden deutlich konträren Charaktere und ihr Verhältnis zueinander. Der eher rundlich Behäbige hat sich gesetzt und wendet sich mit baumelnden Beinen seinem Partner zu. Sein schlanker Kumpan hingegen, der mit seiner ausgedient wirkenden Kappe auf kahlem Schädel einem Narren ähnelt, hat sich nur angelehnt. Die Hände vor dem Körper zusammengeführt, blickt er resigniert vor sich hin ins Leere. Die in tiefem Schatten liegenden Augenhöhlen betonen eine in sich gekehrte Reflexion, die keine äußeren Reize sucht. Mit subtilem Gespür verleiht Daumier diesem stummen Dialog durch sein leichtes Linienspiel und eine frei lavierte Schattierung den Ausdruck von Gelassenheit. Als Antipoden mögen diese beiden Gaukler an das Duo Don Quijote und Sancho Panza erinnern, das Daumier wiederholt beschäftigt hat.
Immer wieder befasste sich Daumier mit der Welt der Saltimbanques. Während er das Spektakel des Jahrmarkts gern am Beispiel der Parade vorführt, die um das Publikum wirbt, zeigt er den Gaukler als eine eher stille, einsame Figur. Ihre Unabhängigkeit und ihr Außenseitertum ließen sie im 19. Jahrhundert in Kunst und Literatur zu einem Sinnbild künstlerischer Existenz werden, das im 20. Jahrhundert Künstler wie Picasso und Beckmann beispielhaft aufgegriffen haben. Honoré Daumier kommt zweifellos das Verdienst zu, diese Metapher in seiner Zeit zu einem bildwürdigen Sujet entwickelt zu haben, das er in dieser Zeichnung mit einer auf Wissen und Erfahrung beruhenden Besonnenheit des Alters behandelte.
Über die Erwerbung
Dr. Alfred Mauritz, von 1979 bis 2007 Vorsitzender des Städelschen Museums-Vereins, verwirklichte anlässlich seines 60. Geburtstages eine ganz besondere Idee. Um diese 1992 in der Daumier-Ausstellung im Städel gezeigte Zeichnung für die Sammlung der Graphischen Sammlung dauerhaft zu erhalten, initiierte er eine private Spendensammlung. Sein Wunsch war, im Freundes- und Bekanntenkreis ausreichend Mittel für den Erwerb des Blattes zusammen zutragen. Das Unterfangen glückte und so konnte der Museums-Verein die Zeichnung ihm zu Ehren erwerben.